135 Diese Arbeitsdefinition hat der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus, der vom Deutschen Bundestag konstituiert wurde, als wichtiges Dokument gewürdigt, sie für die wissenschaftliche Analyse von Antisemitismus indessen erweitert, da nur so die vielfältigen Facetten des Antisemitismus zur Erforschung der Verbreitung antisemitischer Einstellungen in der Gesellschaft und ihrer Ursachen herausgearbeitet und analysiert werden können. Für die praktische Arbeit unterstützt der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus die Arbeitsdefinition (Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, BT-Drs. 18/11970, S. 24). 136 (1.2.2) Entscheidend für die Deutung der Bezeichnung "Antisemit" ist das Verständnis des unvoreingenommenen und verständigen Durchschnittspublikums. Diesem werden die vorstehenden Definitionen und Beschreibungen des Antisemitismus nicht bekannt sein (vgl. zu Fachterminologie: BVerfG, Beschluss vom 10.10.1995 – 1 BvR 1476/91, Rn. 126). Er wird die Bezeichnung "Antisemit" vielmehr nach der umgangssprachlichen Verwendung verstehen. Danach ist ein Antisemit jemand, der "etwas gegen Juden hat, nur weil sie Juden sind" oder anders ausgedrückt: "der eine negative Einstellung gegenüber Juden allein aufgrund ihres jüdischen Glaubens hat". Ohne dass sich der Durchschnittsleser dessen bewusst sein mag, entspricht sein umgangssprachliches Verständnis des Antisemitismus als "Judenfeindschaft" im Kern den Definitionen und Beschreibungen der IHRA und des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus. Denn in allen Fällen geht es um eine innere Einstellung oder Wahrnehmung, die allein an die Zugehörigkeit einer Person zum Judentum anknüpft. 137 (1.2.3) Es entspricht demgegenüber nicht dem Verständnis des Durchschnittspublikums unter der Bezeichnung "Antisemit" lediglich den rassistischen Antisemitismus zu verstehen (so aber eine (unbelegte) Meinung, zitiert nach Möllers, Wörterbuch der Polizei, 3. Aufl. – "Antisemitismus"). Die Besonderheit des rassistischen Antisemitismus besteht darin, dass er alle Juden von Natur aus negativ bewertet und sie weder durch die Abkehr von ihrer Religion noch durch ein anderes Verhalten dieser Bewertung entgehen können, da sie einer "niederen Rasse" angehörten. In ihm werden biologistische Argumentationsmuster mit einer sozialdarwinistischen Ideologie verknüpft (Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, BT-Drs. 18/11970, S. 26). 138 Wie bereits ausgeführt, stellt dies jedoch nur eine der vielen Erscheinungsformen des Antisemitismus dar. Das Durchschnittspublikum macht sich keine Gedanken über die verschiedenen Erscheinungsformen von Antisemitismus, so dass sein umgangssprachliches Verständnis auch nicht auf eine Erscheinungsform beschränkt ist. Ihm liegt auch nicht als unausgesprochene Annahme zugrunde, dass jeder Antisemitismus ein rassistischer Antisemitismus wäre. Denn dem durchschnittlichen Leser tritt Antisemitismus nicht nur in seiner rassistischen Ausprägung entgegen. Nicht erst seit dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle (Saale) im Jahr 2019 wurde in den Medien vielfach auch über andere Erscheinungsformen des Antisemitismus berichtet. 139 (1.2.4) Aus entsprechenden Gründen versteht der durchschnittliche Leser unter einem Antisemiten nicht nur eine Person, die die Überzeugungen teilt, die zu der Ermordung von sechs Millionen Juden unter der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft geführt haben, und die Menschen alleine aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft angreifen und für die Übel der Welt verantwortlich machen (so LG München I, Urteil vom 10.12.2014 – 25 O 14197/14, auf das sich der Kläger beruft; gegen ein "einengendes Verständnis" dieser Begründung dagegen: OLG München, Beschluss vom 28.07.2015 – 18 U 169/15 Pre, Rn. 7). Es ist nicht erforderlich, dass seine Einstellung gegenüber Juden einen konkreten Bezug zum Leiden der jüdischen Bevölkerung im NS-Staat aufweist ("Antisemitismus im engeren Sinne" nach Emmerich/Würkner, NJW 1986, 1195 [1200 und 1202]). 140 Der Antisemitismus gehört zu den Voraussetzungen des Holocaust. Dies heißt jedoch umgekehrt nicht, dass jemand (erst) dann ein Antisemit ist, wenn er die Überzeugungen teilt, die zum Holocaust geführt haben, oder seine Einstellung hierauf einen konkreten Bezug hat. Antisemitismus hat über die Jahrhunderte in vielfältiger Weise zur Verfolgung von Juden geführt. Heute zeigt sich Antisemitismus gegenüber den gewaltsamen Pogromen der Vergangenheit in moderneren Erscheinungsformen weniger offen (vgl. Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, BTDrs. 18/11970, S. 55). Hierbei wird mit Anspielungen, Insinuationen oder Codierungen, die in der direkten Formulierung und Wortwahl häufig keine negativen Wertungen gegen Juden enthalten, gearbeitet (Antisemitismus in Deutschland: Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze. Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus. 2011, S. 17). 141 Antisemitismus, als Einstellung gegenüber Juden kann sich so auf vielfältige Weise und in unterschiedlicher Intensität zeigen. Um Antisemit zu sein, ist es nicht erforderlich, die Überzeugungen derjenigen zu teilen, die im Zweiten Weltkrieg zum Holocaust als systematischen Massenmord an den Juden mit industriellen Methoden geführt haben, oder seine Einstellung hierauf zu beziehen. Es genügt bereits die negative Einstellung gegenüber Juden aufgrund ihres jüdischen Glaubens (vgl. Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, BT-Drs. 18/11970, S. 25). Auch das Durchschnittspublikum versteht unter einem Antisemiten nicht nur eine Person, die zwingend auch die

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