gedacht, Auschwitz sei ein Kriegsgefangenenlager für gefangene Franzosen, Engländer oder
andere Kriegsgefangene. Ich habe mir anfangs überhaupt keine Gedanken gemacht.
Erwähnen möchte ich noch, dass ich für meinen Militäreinsatz an der Front ein
Verwundetenabzeichen erhielt, ferner wurde mir ein Infanteriesturmabzeichen in Silber und
das eiserne Kreuz zweiter Klasse verliehen. Diese Umstände ergeben sich aus einem
Ausweis, der als Ersatz für das durch Feindeinwirkung verlorene Soldbuch erstellt wurde.
In Auschwitz angekommen, hatte ich mich sofort in der Kommandatur zu melden. Die
104
Kommandatur befand sich direkt links neben dem Haupteingang zum Stammlager. Ich wurde
eingewiesen, man zeigte mir meine Unterkunft, die ich mir mit zwei anderen Kameraden des
dritten Wachbataillons teilte. Einer dieser Kameraden, das weiß ich noch, stammte aus O 16.
Da ich zu Beginn meiner Tätigkeit für den Innendienst vorgesehen war, bestand meine
Aufgabe zunächst einmal darin, das zu tun, was der Spieß nicht selber machte. Wenn man
den Eingang zum Stammlager Auschwitz I betrat, befand sich auf der linken Seite unmittelbar
links gelegen die Kommandatur. In diesem Gebäude befand sich meine Dienststube. Dort
befand sich der UVD-Raum. In diesem Raum hielt ich mich auf, wenn ich Dienst hatte,
zumeist allein. Nach meiner Erinnerung versah ich den Dienst dort morgens, tagsüber und
die Nacht hindurch bis zum nächsten Morgen. Der UvD-Dienst in der Kommandatur dauerte
über 24 Stunden an. Nachts musste ich wach bleiben. Man konnte sich zwar mal eine Stunde
auf der sich dort befindenden Pritsche hinlegen, im Prinzip musste man aber 24 Stunden
wachbereit sein. Sämtliche Leute und Menschen, die durch das Haupttor des Stammlagers
gingen, hatten sich beim UvD in der Kommandatur im Eingangsbereich zu melden, also wenn
ich Dienst hatte, auch bei mir. Die ersten Wochen bestand mein Dienst außerdem darin,
Stubenappelle durchzuführen. Ich beaufsichtigte das Waffenreinigen der anderen
Kameraden. Die Aufsicht über das Waffenreinigen gehörte auch zum Dienst des UvD. Ferner
musste ich als UvD als erster morgens aufstehen. Ich hatte damals eine Art Trillerpfeife, in
die ich hinein blies und gleichzeitig hatte ich die Türen der Kasernenräume zu öffnen und
„Aufstehen, raus!“ zu schreien. Im Anschluss daran war Antreten zum Frühstück, d. h., die
Soldaten mussten sich im Flur der Kaserne aufstellen und marschierten dann praktisch zum
Frühstücksraum. Nach dem Frühstück hatten die Soldaten zum Appell anzutreten. Dieser
fand außerhalb des Kasernengebäudes statt. Es wurde festgestellt, ob jemand fehlte, ob
jemand krank war oder anderweitig nicht einsatzbereit war. Ferner wurde bei dieser
Gelegenheit kontrolliert, ob die Blutgruppe der Soldaten ordnungsgemäß unter dem linken
Arm eintätowiert war. Ich selbst hatte die Blutgruppe 0. Später wurde dazu übergegangen,
was jeweils anbefohlen wurde. Das war sehr unterschiedlich, je nach Dienst. Ich habe dann
tagsüber die Häftlinge gesehen. Diese bewegten sich im Lager nach meiner Erinnerung
jedoch nicht frei, d. h., sie konnten sich nicht ohne Begleitung bewegen. Wenn ich sage, sie
konnten sich nicht frei bewegen, so meine ich damit, dass immer jemand vom Wachpersonal
mit dabei war, wenn die Häftlinge im Lager unterwegs waren. Selbst wenn nur ein einzelner
Häftling sich im Lager bewegte, war jemand vom Bewachungspersonal bei ihm und begleitete
ihn.
Als ich mehrere Wochen in Auschwitz war, war mir bekannt, was dort mit den Häftlingen
105
geschah. Dies offenbarte sich mir nicht sofort, ich bekam dies mit der Zeit jedoch mit. In den
ersten Tagen hat uns niemand darüber erzählt. Wenn man aber, wie ich, längere Zeit da war,
dann bekam man auch mit, was dort ablief. Es wurden Menschen erschossen, vergast und
verbrannt. Ich konnte sehen, wie Leichen hin- und hergefahren oder abtransportiert wurden,
ja, das bekam man mit. Ich nahm Verbrennungsgeruch war. Ich wusste, dass man Leichen
verbrannte. Es herrschte dort eine Atmosphäre, die ich heute nicht mehr beschreiben kann.
Man sah was geschah, konnte sich jedoch gegenüber anderen Kameraden nicht so richtig
äußern und verständigen. Die Situation war völlig anders als an der Front. Dort war es so,