Trinkwasser zur Verfügung, Essen gab es nicht. Da die Deportierten die Waggons nicht verlassen durften und dort Toiletten nicht vorhanden waren, mussten sie ihre Notdurft innerhalb des Wagens verrichten. Aufgrund der extrem belastenden Bedingungen verstarben die Schwächsten – Kinder, Alte und Kranke – schon während des Transportes. Im Angesicht ihrer Leichen mussten die Übrigen die Fahrt fortsetzen. bb) 43 Bei der Ankunft der Züge an der alten Rampe zwischen Auschwitz und Birkenau war alles darauf ausgerichtet, den Vernichtungsprozess schnell und reibungslos voranzutreiben, um Panik oder Widerstand unter den Deportierten erst gar nicht aufkommen zu lassen. Dazu wurde bewusst eine Drohkulisse aufgebaut, indem die Mitglieder des SSTotenkopfsturmbanns bewaffnet und in Uniformen zum einen die Rampe komplett umstellten und abriegelten, zum anderen weiteres SS-Personal – unterstützt durch sich aggressiv gebärdende und laut bellende Hunde – auf der Rampe selbst patrouillierten. Nach dem Anhalten eines Zuges rissen dazu bestimmte Insassen des Konzentrationslagers – sogenannte „Funktionshäftlinge“ – die Türen der Waggons auf und forderten die durch den extrem kräftezehrenden Transport völlig geschwächten und demoralisierten Menschen mit lauten und barschen Anweisungen – „Los, sofort raus, schnell alle raus“ auf, den Zug zu verlassen. Durch die wahrheitswidrige Behauptung, das Gepäck werde ihnen nachgebracht, wurden sie veranlasst, ihr Hab und Gut in den Waggons oder auf dem Bahnsteig zurückzulassen. Zugleich nährte diese Zusage die Hoffnung der Deportierten, in Auschwitz eine Zukunft zu haben. Zwar waren sie durch das bedrohliche Szenarium eingeschüchtert. Sie nahmen auch die rauchenden Schornsteine und den Geruch nach verbranntem Fleisch wahr. Da sie sich hierauf aber keinen Reim machen konnten, rechneten fast alle der Deportierten weiterhin nicht mit ihrer Tötung. 44 Nachdem alle Ankömmlinge die Züge verlassen hatten, erfolgte die Selektion. Um jeden Widerstand im Keim zu ersticken, wurden die Deportierten in großer Eile und mit brüsken Rufen angewiesen, sich bei verschiedenen Gruppen einzuordnen. Kleine Kinder bis zum Alter von maximal 15 Jahren und ihre Mütter sowie Alte und behinderte Menschen wurden sofort ausgesondert, um der Tötung in den Gaskammern zugeführt zu werden. Sie waren für die SS ohne Wert, da sie nicht zur Arbeit herangezogen werden konnten. Die an sich arbeitsfähigen Mütter beließ man bewusst bei ihren Kindern, um nicht durch eine erzwungene Trennung Unruhe unter den Deportierten hervorzurufen und den vorgesehenen Ablauf zu gefährden. Die übrigen Deportierten mussten sich nach Geschlechtern getrennt in Fünferreihen aufstellen. Wer den Anweisungen nicht sofort Folge leistete, wurde mit Stockschlägen dazu veranlasst. Die angesichts der rigorosen Trennung von Familien – es verblieb keine Gelegenheit, sich voneinander zu verabschieden – verunsicherten und verängstigten Menschen, beruhigte das SS-Personal mit der Lüge, sie würden sich bereits am nächsten Tag wiedersehen. So sollte weiterhin Unruhe vermieden und der reibungslosen Fortgang der Selektion gewährleistet werden. 45 Die Menschen wurden sodann reihenweise auf einen SS-Arzt, zumeist in Begleitung eines SS-Offiziers, zugetrieben, welche die Auswahl der Arbeitsfähigen unter den Deportierten durchführten. Die Entscheidung wurde allein aufgrund einer kurzen Inaugenscheinnahme des Vorgeführten, allenfalls zusätzlich aufgrund einer knappen Befragung zu Alter und Beruf, vorgenommen. Dabei spielte der jeweilige Bedarf an Arbeitskräften eine große Rolle. Junge, kräftige Menschen und solche mit einem Beruf, für den man Verwendung hatte, wurden im Umfang des Bedarfs als arbeitsfähig ausgewählt. Schwache und Kranke wurden dagegen als zur Tötung bestimmt ausgesondert. Die Entscheidung fiel mit einer flüchtigen Handbewegung 46

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