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Diese Arbeitsdefinition hat der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus, der vom Deutschen Bundestag konstituiert
wurde, als wichtiges Dokument gewürdigt, sie für die wissenschaftliche Analyse von Antisemitismus indessen erweitert,
da nur so die vielfältigen Facetten des Antisemitismus zur Erforschung der Verbreitung antisemitischer Einstellungen in
der Gesellschaft und ihrer Ursachen herausgearbeitet und analysiert werden können. Für die praktische Arbeit
unterstützt der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus die Arbeitsdefinition (Bericht des Unabhängigen
Expertenkreises Antisemitismus, BT-Drs. 18/11970, S. 24).
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(1.2.2) Entscheidend für die Deutung der Bezeichnung "Antisemit" ist das Verständnis des unvoreingenommenen und
verständigen Durchschnittspublikums. Diesem werden die vorstehenden Definitionen und Beschreibungen des
Antisemitismus nicht bekannt sein (vgl. zu Fachterminologie: BVerfG, Beschluss vom 10.10.1995 – 1 BvR 1476/91, Rn.
126). Er wird die Bezeichnung "Antisemit" vielmehr nach der umgangssprachlichen Verwendung verstehen. Danach ist
ein Antisemit jemand, der "etwas gegen Juden hat, nur weil sie Juden sind" oder anders ausgedrückt: "der eine negative
Einstellung gegenüber Juden allein aufgrund ihres jüdischen Glaubens hat". Ohne dass sich der Durchschnittsleser
dessen bewusst sein mag, entspricht sein umgangssprachliches Verständnis des Antisemitismus als "Judenfeindschaft"
im Kern den Definitionen und Beschreibungen der IHRA und des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus. Denn
in allen Fällen geht es um eine innere Einstellung oder Wahrnehmung, die allein an die Zugehörigkeit einer Person zum
Judentum anknüpft.
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(1.2.3) Es entspricht demgegenüber nicht dem Verständnis des Durchschnittspublikums unter der Bezeichnung
"Antisemit" lediglich den rassistischen Antisemitismus zu verstehen (so aber eine (unbelegte) Meinung, zitiert nach
Möllers, Wörterbuch der Polizei, 3. Aufl. – "Antisemitismus"). Die Besonderheit des rassistischen Antisemitismus besteht
darin, dass er alle Juden von Natur aus negativ bewertet und sie weder durch die Abkehr von ihrer Religion noch durch
ein anderes Verhalten dieser Bewertung entgehen können, da sie einer "niederen Rasse" angehörten. In ihm werden
biologistische Argumentationsmuster mit einer sozialdarwinistischen Ideologie verknüpft (Bericht des Unabhängigen
Expertenkreises Antisemitismus, BT-Drs. 18/11970, S. 26).
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Wie bereits ausgeführt, stellt dies jedoch nur eine der vielen Erscheinungsformen des Antisemitismus dar. Das
Durchschnittspublikum macht sich keine Gedanken über die verschiedenen Erscheinungsformen von Antisemitismus, so
dass sein umgangssprachliches Verständnis auch nicht auf eine Erscheinungsform beschränkt ist. Ihm liegt auch nicht
als unausgesprochene Annahme zugrunde, dass jeder Antisemitismus ein rassistischer Antisemitismus wäre. Denn
dem durchschnittlichen Leser tritt Antisemitismus nicht nur in seiner rassistischen Ausprägung entgegen. Nicht erst seit
dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle (Saale) im Jahr 2019 wurde in den Medien vielfach auch über andere
Erscheinungsformen des Antisemitismus berichtet.
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(1.2.4) Aus entsprechenden Gründen versteht der durchschnittliche Leser unter einem Antisemiten nicht nur eine
Person, die die Überzeugungen teilt, die zu der Ermordung von sechs Millionen Juden unter der nationalsozialistischen
Schreckensherrschaft geführt haben, und die Menschen alleine aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer
Religionsgemeinschaft angreifen und für die Übel der Welt verantwortlich machen (so LG München I, Urteil vom
10.12.2014 – 25 O 14197/14, auf das sich der Kläger beruft; gegen ein "einengendes Verständnis" dieser Begründung
dagegen: OLG München, Beschluss vom 28.07.2015 – 18 U 169/15 Pre, Rn. 7). Es ist nicht erforderlich, dass seine
Einstellung gegenüber Juden einen konkreten Bezug zum Leiden der jüdischen Bevölkerung im NS-Staat aufweist
("Antisemitismus im engeren Sinne" nach Emmerich/Würkner, NJW 1986, 1195 [1200 und 1202]).
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Der Antisemitismus gehört zu den Voraussetzungen des Holocaust. Dies heißt jedoch umgekehrt nicht, dass jemand
(erst) dann ein Antisemit ist, wenn er die Überzeugungen teilt, die zum Holocaust geführt haben, oder seine Einstellung
hierauf einen konkreten Bezug hat. Antisemitismus hat über die Jahrhunderte in vielfältiger Weise zur Verfolgung von
Juden geführt. Heute zeigt sich Antisemitismus gegenüber den gewaltsamen Pogromen der Vergangenheit in
moderneren Erscheinungsformen weniger offen (vgl. Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, BTDrs. 18/11970, S. 55). Hierbei wird mit Anspielungen, Insinuationen oder Codierungen, die in der direkten Formulierung
und Wortwahl häufig keine negativen Wertungen gegen Juden enthalten, gearbeitet (Antisemitismus in Deutschland:
Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze. Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus.
2011, S. 17).
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Antisemitismus, als Einstellung gegenüber Juden kann sich so auf vielfältige Weise und in unterschiedlicher Intensität
zeigen. Um Antisemit zu sein, ist es nicht erforderlich, die Überzeugungen derjenigen zu teilen, die im Zweiten Weltkrieg
zum Holocaust als systematischen Massenmord an den Juden mit industriellen Methoden geführt haben, oder seine
Einstellung hierauf zu beziehen. Es genügt bereits die negative Einstellung gegenüber Juden aufgrund ihres jüdischen
Glaubens (vgl. Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, BT-Drs. 18/11970, S. 25).
Auch das Durchschnittspublikum versteht unter einem Antisemiten nicht nur eine Person, die zwingend auch die