Das war nur den Blockführern, den sogenannten Kapos gestattet. Offiziell waren ja Misshandlungen von Häftlingen ausdrücklich verboten. Ich weiß jedoch, dass dies den Kapos Vorbehalten blieb. Ich gehe auch davon aus, dass die Kapos von ihren Befugnissen in diesem Bereich Gebrauch gemacht haben. Von den Häftlingen selbst hat sich nach meinem Wissen keiner über den jeweiligen Kapo oder die Kapos beschwert. Ich nehme auch an, dass die Häftlinge dies später hätten büßen müssen, da sich der Kapo das jedenfalls nicht hätte gefallen lassen. Wir selbst haben mit den Häftlingen grundsätzlich nicht gesprochen. Wenn etwas zu beanstanden war, dann wurde dies den Kapos mitgeteilt. Diese sorgten dann dafür, dass der Fehler korrigiert wurde. Ich hatte bereits erwähnt, dass ich mit den Kameraden, die in Auschwitz mit mir Dienst 113 hatten, nie so richtig warm geworden bin wie mit denjenigen, mit denen ich an der Front gekämpft habe. Das waren zwei völlig verschiedene Situationen und auch völlig verschiedene Verhältnisse zu den einzelnen Kameraden. Ich hatte in der ersten Zeit, in der ich nach Auschwitz ab kommandiert worden war, zweimal Versetzungsanträge zur Front gestellt. Ich wollte zu meiner Einheit zurück. Beide Versetzungsanträge wurden schon bei der Abgabe abgelehnt. Bei meinem zweiten Antrag habe ich richtig Ärger bekommen. Man hat mir gesagt, dass ich nicht hier weg komme und dass es besser wäre, nicht noch einmal einen Antrag zu stellen. In Auschwitz war es jedenfalls so, dass einem dort recht deutlich gemacht wurde, dass man zu funktionieren hatte und das zu tun hatte, was von einem verlangt wurde. Wenn ich mich richtig erinnern kann, ließ man auch keinen Zweifel daran, dass - sollte man sich weigern - man Schlimmeres zu befürchten hatte. Diesbezüglich herrschte ein Spruch zwischen den Soldaten, der wie folgt lautete: „Das lass mal sein, da spürst du schon den Daumen im Rücken.“ Da wusste jeder Bescheid. Jeder misstraute dem anderen. Es gab im Grunde keine richtige Kameradschaft, so wie ich diese von der Front her kannte. Irgendwann wurde ich dann nach Oranienburg versetzt. Als ich dort stationiert war, näherte sich der Russe dem Lager. Aus den Wachmannschaften wurden dann Kampfeinheiten gebildet. Ich gehörte in dieser Zeit zur Kampfgruppe „Wimmer“. Die Kampfgruppe Wimmer wurde gegen die Engländer eingesetzt. In Oranienburg habe ich mich dann als sogenannter „Zwölfender“ verpflichtet, weil ich ja eine Frau und einen Sohn hatte. Wir mussten ja von irgendetwas leben. Ich kann mich erinnern, dass man damals ca. 1.000,00 Reichsmark im Monat bekam. 114 Schon als ich noch in Auschwitz stationiert war, wurde mir klar, dass der Krieg nicht mehr zu 115 gewinnen war. Man hörte auch immer wieder, dass der Russe vor der Tür stehe. Als ich dann in Oranienburg hörte, dass der Russe immer näher kam, wusste ich, dass der Krieg verloren war. Wir haben dann mit den Engländern gesprochen. Diese sagten uns: „Wollt Ihr zu den Russen, oder wollt ihr zu uns?“ Wir sind dann geschlossen in Gefangenschaft zu den Engländern gegangen. Ich muss auch sagen, dass ich damals als junger Soldat davon geleitet war, wieder nach Hause zu kommen. Das war nachher mein einziges Ziel. Ich wollte nur noch überleben. Später, als ich aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, habe ich mit keinem anderen 116 Menschen über meine Erlebnisse in Auschwitz gesprochen. Ich habe weder mit meiner Ehefrau oder meinen Kindern oder Enkeln jemals über Auschwitz gesprochen. Niemand in meiner Familie hat gewusst, dass ich in Auschwitz tätig war. Ich konnte einfach nicht darüber reden. Ich habe mich geschämt. Ich habe dann immer gesagt, dass ich am Russlandfeldzug teilgenommen und anschließend in Kriegsgefangenschaft geriet. Ich habe mein Leben lang versucht, diese Zeit zu verdrängen. Auschwitz war ein Alptraum. Ich wünschte, nie dort gewesen zu sein. “

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